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Recherche - Wissenswertes - Bahnlinie

Warum Östringen nicht an der Bahnlinie liegt und die Folgen

Östringen: Fragt man in Östringen, warum die Gemeinde keinen Bahnanschluss hat, erhält man meist die Antwort: „Bürgermeister Rothermel (1886 – 1904) verhinderte das Projekt, weil er nicht wollte, dass die Bürger mit der Bahn in die Stadt fahren statt in seinem Geschäft einzukaufen.“ Diese Unterstellung ist zu allgemein und leicht übertragbar, als dass sie ausgerechnet in Östringen zuträfe.

Der Freundeskreis des Heimatmuseums sichtete die Akten des Archivs, katalogisierte sie zeitlich aufwändig und ermöglichte so ihre Nutzung  Dabei tauchte ein seit Jahrzehnten verschollenes Aktenbündel auf, das zur Klärung dieser Frage entscheidend beiträgt.

Im „Untertänigsten Gesuch der Gemeinde Östringen den Bau einer normalspurigen Eisenbahn oder einer elektrischen Bahn nach Langenbrücken oder Mingolsheim betreffend“ vom Mai 1906 begründete das von Bürgermeister Heinrich Greulich (1904 – 1912) geführte Bahnkomite den Antrag ausführlich und wies auf die Nachteile für eine Gemeinde ohne Bahnlinie hin.

Dies war schon der fünfte Anlauf. In den Jahren 1869, 1880, 1902 und 1905 hatte man sich vergeblich um eine Linie von Langenbrücken bzw. Mingolsheim über Östringen – Sinsheim nach Waibstadt als Teilstrecke von Karlsruhe nach Würzburg bemüht, die 24 km kürzer als die über Heidelberg gewesen wäre und eine große Bedeutung für die wirtschaftliche Entwicklung des „Hinterlandes“ gehabt hätte.

Als Gründe für die jeweilige Ablehnung des Gesuchs wurden hohe Baukosten im hügeligen Gelände, geringe Rentabilität, bereits bestehend Verbindung von Karlsruhe über Heidelberg nach Würzburg genannt. Außerdem hätten einige der neun  beantragenden Gemeinden schon einen Bahnanschluss. Langenbrücken, Östringen, Michelfeld, Eichtersheim, Eschelbach, Dühren, Sinsheim, Daisbach und Waibstadt waren sich einig, dass sie die Bahnlinie wollten, konnte sich aber nicht auf  die Höhe des Kostenbeitrags je Gemeinde einigen. Zu allem Überfluss konkurrierten Langenbrücken und Mingolsheim um den Verkehrsknotenpunkt.

Die Gemeinde verhandelte darauf über den Bau einer Privatbahn mit der Oberrheinischen Elektrizitätsgesellschaft und mehreren Bahnbaugesellschaften, genehmigte 60 000 Mark plus Gelände und erwog sogar den Bau einer gleislosen elektrischen Wegebahn. Mitglieder der Bahnkommission  besichtigten eine solche in Köln. Dabei verursachten sie so hohe Spesen, dass der Gemeinderat sich weigerte, sie zu begleichen.  Der Schmied Josef Hassis kaufte in Freiburg ausrangierte Wagen der Pferdebahn. 

Es waren vor allen Dekan Philipp Butz, Pfarrer in Östringen von 1897 bis 1907, die Gewerbetreibenden und Industriellen, die sich mit der erneuten Ablehnung des Antrages nicht zufrieden gaben. Butz ließ den Abgeordneten Baron von Menzingen vor der Bürgerversammlung sprechen, sammelte 600 Unterschriften, führte eine Abstimmung im Bürgerausschuss herbei und ließ dem Gesuch eine ausführlich Schilderung der wirtschaftlichen Verhältnisse Östringens hinzufügen. Er unterstrich die negativen Folgen für die wirtschaftliche Entwicklung der Gemeinde im Falle einer erneuten Ablehnung. Selbstbewusst begnügte er sich nicht, zu bitten, sondern nannte es einen Akt der ausgleichenden Gerechtigkeit, wenn Östringen, die mit 3257 Einwohnern größte Gemeinde in Baden ohne Bahnanschluss, endlich berücksichtigt würde. Sinsheim hatte 3011,  Mingolsheim 2128. Kirrlach 2886 und Philippsburg 2546 Einwohner.

Der Antrag verwies auf  662 landwirtschaftliche Betriebe,170 Gewerbetreibende, darunter 11 größere und 13 kleinere Zigarrenfabriken, die 800 Personen beschäftigten, 2 Rohtabakhandlungen, 1 Papiergroßhandlung, 2 Bauunternehmen, 1 Ziegelei, 4 Kohlen- und Holzhandlungen, 1 Säge -  und Schälwerk, 5 Wassermühlen und 3 Sodawasserfabriken.

Der Antrag hob auf die zu erwartende Entwicklung nach dem Bahnbau ab. Der Abbau von Zement auf einer Fläche von 21 Hektar sei schon an der fehlenden Bahnverbindung gescheitert, ebenso die Erweiterung des Kalksandsteinbruchs. Investoren planten die Errichtung eines Bades zur Nutzung der beiden Schwefelquellen auf dem Waldbuckel. Die Landwirte erwarteten eine Kostensenkung beim Transport der Düngemittel und landwirtschaftlichen Erzeugnisse. Finanzkräftige Bürger würden nicht wegziehen, weil höhere Schulen für ihre Kinder erreichbar wären. Die landwirtschaftlichen, gewerblichen und industriellen Betriebe würden mit einem Bahnanschluss konkurrenzfähiger werden; Neuansiedlungen wären zu erwarten.

Am 15. 7 1908 genehmigt der Landtag die Stichbahnt  Mingolsheim – Östringen in der vagen Hoffnung auf die Weiterführung der Strecke nach Waibstadt. und der Minister Freiherr von Marschall sagte die Ausführung nach den Plänen des Ingenieurbüros Theodor Lutz aus Karlsruhe zu. Nach mehrjährigen Planungen wurde im Jahre 1913 die Trasse abgesteckt. Der Ausbruch des Ersten Weltkrieges 1914 bereitete dem Projekt und damit den Hoffnungen und Wünschen der Östringer ein jähes Ende. (Stefan Bachstädter)

Foto der Postkutsche vor dem Postamt in der Hauptstraße.

Die 1920 eingerichtete Postlinie Mingolsheim – Östringen – Sinsheim bildete einen bescheidenen Ersatz für den fehlenden Bahnanschluss (Foto: Archiv)

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