background

Recherche - Historie - Sage und Wahrheit zur Waldkapelle

Sage und Wahrheit zur Waldkapelle

Ich bin Frau Historia, grammatikalisch weiblich. Ich wohne im Heimatmuseum. Die Stationen des Kreuzwegs entlang der Mühlhausener Straße führen mich vor die Waldkapelle. Auf der Ruhebank im Schatten unterhält sich Benedikt, der pensionierte Lehrer, mit seiner Frau Hedwig. Ich lasse mich auf die Bank daneben nieder, genieße die Maisonne auf der Haut, sauge die Frühlingsdüfte ein und lausche der Unterhaltung der beiden Senioren.

Hedwig tippt mit dem Zeigefinger den Sonnenhut aus dem Gesicht, betrachtet eingehend die Fassade der renovierten Kapelle und sagt: „Die Waldkapelle sieht wieder gut aus.“
„Die Handwerker strahlten nicht nur die Steine ab, sondern erneuerten auch das Dach, die Regenrinnen und Fallrohre“, erklärte ihr Mann sachverständig.
„Schade, dass man nicht rein kann. Auch im Innern sieht sie gut aus; das habe ich bei der Maiandacht gesehen. Die goldenen Sterne funkeln von der himmelblauen Decke und die leuchtenden Farben erstrahlen in neuer Frische. Wärest du zur Andacht mitgekommen, dann hättest du sie auch gesehen.“
Benedikt bemerkte den vorwurfsvollen Unterton in ihrer Stimme: „Mir reicht die Spendenquittung für einen Stern.“

Sie lenkte ein und wechselte das Thema: „In der achten Klasse schrieben wir bei Fräulein Schmich die Sage auf, die von der Entstehung der Kapelle erzählt. In das Büchlein durften nur die Mädchen mit der schönsten Handschrift hineinschreiben. Ingerose zeichnete die Waldkapelle mit Bleistift und malte sie mit Holzfarbstiften an.“

„Und was erzählt die Sage?“

„Eigentlich gibt es drei verschiedene Sagen. Eine davon durfte ich in das Heft schreiben; deshalb behielt ich sie fast wörtlich im Gedächtnis . Zur Zeit des Dreißigjährigen Krieges war an der Stelle, wo heute die Kapelle steht, eine Ziegelei. Als nach der Schlacht bei Mingolsheim und Langenbrücken 1622 General Tilly sich mit seinen Soldaten über Östringen nach Bad Wimpfen zurückzog, versteckten sich die Bewohner unseres Dorfes in der Ziegelei, wo sie von den Soldaten nicht entdeckt wurden. Zum Dank für die Rettung erbauten sie an der Stelle, wo sie Schutz gefunden hatten, eine Kapelle.“

In diesem Augenblick knirschten Autoreifen auf dem Splitt vor der Kapelle. Der Mesner quälte sich wegen eines Rückenleidens mühsam aus dem VW und goss an einer Krücke humpelnd die Blumen in den Rabatten.

„Gut, dass der Mesner kommt, denn ich meine, etwas von einem tot aufgefunden Kind der Zieglerfamilie Wolf gehört zu haben. Dies würde auch erklären, warum die Kapelle der Schmerzhaften Muter Gottes geweiht wurde. Den Grundstein der alten Kapelle verwendete man beim Neubau; den schauen wir uns an. Karl schließt du uns bitte die Tür auf ?“, rief er dem Mesner zu.

Auf dem Grundstein entzifferte Benedikt folgende Inschrift:
JESUS MARIA JOSEPH JOHANN ULRICHUS WOLF ANNA BARBARA WOLFEN GOTT ALLEIN DIE EHR ANNO 1692

„Die Geschichte mit dem Tilly kann nie und nimmer stimmen“, triumphierte der Pensionär, „die Kapelle wurde erst 1692 erbaut“.

Der Mesner versuchte aufzuklären: „Bisher wurde die Jahreszahl auf dem Grundstein immer als 1622 gelesen. Die Eheleute Wolf starben 1704 bzw. 1705. Dr. Brauch rechnet in seinem Buch über Östringen vor, sie müssten 1622 etwa 22 Jahre als gewesen sein, also 104 bzw. 105 Jahre alt geworden sein. Außerdem ist vor 1650 keine Familie Wolf in den Kirchenbüchern zu finden, wohl aber eine Eheschließung von Hans Wolf, von Beruf Ziegler, und Maria im Jahre 1671.“

Hedwig fixierte die Jahreszahl auf dem Stein. Sie wollte sich trotz der starken Gegenargumente des Mesners nur ungern von ihrer Version der liebgewonnenen Sage trennen: „Ich lese 1622 “, beharrte sie lächelnd auf ihrer Lesart.

Ich bleibe auf der Bank sitzen und betrachte das Schauspiel der Einweihung der neu erbauten Kapelle am 25. September 1881. Pfarrer Michael Stang führt die Prozession an, begleitet von den Amtsbrüdern aus Kronau, Odenheim, Mühlhausen, Tiefenbach, Langenbrücken und Mingolsheim, gefolgt von Chören, Vereinen und Abordnungen mit wehenden Fahnen. Über 3000 Besucher harren bei der feierlichen Zeremonie vom Vormittag bis vier Uhr aus. Jetzt breiten sie Decken aus, lagern im Schatten der Bäume, packen die reich gefüllten Esskörbe aus und entkorken die Weinflaschen. Von der Waldbühne her ertönt Blasmusik.
(Frau Historia)

© Heimatmuseum Östringen 2017 • Hauptstrasse 100 in 76684 Östringen • Impressum
top