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Recherche - Historie - In Memoriam Otto und Reinhard Deutsch

In Memoriam Otto und Reinhard Deutsch

 

Ich bin Frau Historia, grammatikalisch weiblich. Ich wohne im Heimatmuseum. Es ist Montag, der 4. Juni 1945 kurz nach zwölf Uhr mittags. Erregtes Lärmen, Rennen, Hasten, einzelne Rufe dringen in meine kühle Stube. Etwas Außergewöhnliches muss geschehen sein. Ich trete in das grelle Sonnenlicht hinaus. Einige Leute hasten das Dorf hinunter, vereinzelte Richtung Oberdorf.

Die 13jährige Erna hört seltsames Gemurmel vor ihrem Haus im Leiberg. Sie beschleicht ein beängstigendes Gefühl, als sie aus dem Fenster im zweiten Stock blickt. Auf der Straße hat sich eine Schar Menschen versammelt, die aufgeregt miteinander tuscheln. „Es ist jemand daheim!“, erhebt sich eine Frauenstimme. Erna öffnet das Fenster. Überrascht von der Lautstärke der eigenen Stimme inmitten der schweigenden Menge, fügt die Frau unsicher hinzu: “Der Otto und der Reinhard!“

 

Erna weiß sofort, etwas Schlimmes ist geschehen. Reinhard schraubt gern an Munition herum. Am Morgen nahm er seinen Bruder zum Spielen mit. Als sie aus dem Stimmengewirr den Wortfetzen „... tot“ aufschnappt, erfasst sie eine panische Angst. "Das muss ich meiner Mutter schonend beibringen, sonst trifft sie der Schlag", schwirrt ihr durch den Kopf.

 

Ihre Mutter häufelt Kartoffeln auf dem Acker im Eichtersheimer Bruch. Wie von Furien gejagt poltert sie die Treppe hinunter, stürzt aus dem Haus und rennt die Hauptstraße hinauf. Bei der Ziegelhütte taumelt die Mutter am Arm der China Fränzin der Erna entgegen. Sie schließt sie in die Arme, die Knie versagen, sie sinkt zusammen.

 

Die Menschenmenge vor dem Haus schwillt an. Die Nachricht verbreitet sich wie ein Lauffeuer. Um drei Halbwüchsige stecken sie die Köpfe zusammen. „Wir haben auf den Soliswiesen einen lauten Knall gehört“, berichtet Günter. „Wir versteckten uns bei den vier Steinen und beobachteten, wie zwei Männer auf der anderen Straßenseite in Richtung des kleinen Wäldchens am Bach etwas suchten. Da, wo am Straßenrand ein ganzer Stapel Flakmunition sitzt“

 

„Der Habich Reinhard hat uns streng verboten, an dem Stapel zu spielen. Das sei viel zu gefährlich“, macht sich der schmächtige Heiner wichtig.

 

Auf einer fahrbaren Lazaretttrage bringen sie die beiden Kinder vor das Haus. Die Menschen bilden ehrfurchtsvoll eine Gasse. Dr. Franz Waas hat die Verwundungen des übel zugerichteten Reinhard notdürftig versorgt. Der achtjährige Otto scheint zu schlafen. Erst bei genauerem Hinsehen entdecken die Neugierigen den tödlichen Splitter hinter dem Ohr. Der Unterschenkel ist vom Blut rot gefärbt. Beide sind barfuss und tragen kurze Hosen.

 

Nach längerem Schweigen setzt das Gemurmel wieder ein. Der Lörz Jakob raunt den Umstehenden zu: „Bei mir hat der Reinhard heute morgen den großen Engländer geholt. Ich dachte mir nichts dabei. Schon mehrmals hat er die Brunnenpumpe damit repariert. Er war ein geschickter Bub.“

 

Walter mischte sich ein: „Die Flakgranaten mit ihren zwei Zündern sind echt gefährlich. Wenn die Zünder sich nicht leicht lösen lassen, musst du sie vorsichtig beiseite legen. Vielleicht war der Reinhard zu ungeduldig, als er an die Pulverstangen in der Hülse herankommen wollte.“
Gestützt auf die Fränzin und die Leni schleppt sich Paula zu der Trage in der Hofeinfahrt. Die Menschen senken die Köpfe und wischen sich Tränen aus den Augen, als sie sich mit verzweifeltem Aufschrei über ihre Kinder wirft.

 

Zwei Tage lang ziehen ununterbrochen Menschen an den weißen Särgen vorbei, um den bedauernswerten Jungen Weihwasser zu geben. Bürgermeister Ferdinand Bender ordnet an, alle Schulkinder zur Abschreckung an den Toten vorbeizuführen.

 

Unter großer Anteilnahme der Bevölkerung setzt Pfarrer Eduard Dorer die Verunglückten bei.

 

Ergriffen von dem Erlebten bedachte ich in meinem Museum, wie viel Leid dieser Familie aufgebürdet wurde. Die starke Anteilnahme der Nachbarn und Freunde schien zwar tröstlich, aber wirksamen Trost konnte niemand spenden. Bürgermeister Bender hatte in seiner Schreinerei die Särge anfertigen lassen. Er verzichtete darauf, den vom Schicksal Geschlagenen dafür Geld zu verlangen.

 

Mehrere Monate macht Cousine Lioba den Haushalt für die Familie Deutsch, denn Paula ist seelisch gebrochen.

 

Im September des selben Jahres steigt Bernhard Deutsch froh gelaunt und voller Erwartung in Mingolsheim aus dem Zug und freut sich nach den Kriegsjahren auf daheim. Als ihm am Ortseingang Menschen ausweichen, wundert er sich zunächst, wird nachdenklich und verlangsamt seine Schritte. Düstere Gedanken bedrücken ihn. Nervosität wühlt in seiner Magengrube.
Er betritt sein Haus. Die Familie sitzt am Tisch. Er starrt in Augen, die keine Tränen mehr haben. Keiner traut sich etwas zu sagen Nach langem quälenden Schweigen deutet er auf die zwei freien Plätze: “Wo ist der Otto? - - - Wo ist der Reinhard?“

Vor diesem Augenblick hat sich Paula am meisten gefürchtet. Mit gesenktem Blick steht sie auf, schlingt die Arme um den Hals ihres Mannes und stößt schluchzend hervor: „Ich hätte es nicht zulassen dürfen.“ Die fünfjährigen Zwillinge klammern sich aneinander. Ernas Herz krampft sich zusammen. Schauer überlaufen ihren Rücken. Nein! Nein! - nicht noch einmal alles durchleben! Sie ergreift die Flucht. Im Garten kommt sie zu sich, als sie halbreife Tomaten in sich hineinstopft. In der Dämmerung schleicht sie nach Hause. Ihr Vater liegt quer über dem Ehebett und weint bitterlich.
(Frau Historia)

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