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Recherche - Historie - Woher stammen die Näpfchen am Brunnentrog?

Woher stammen die Näpfchen am Brunnentrog?

Ich bin Frau Historia, grammatikalisch weiblich. Ich wohne im Heimatmuseum. Auf meinem Maispaziergang mache ich am Johannisbrunnen halt. Ich lausche dem beruhigenden Plätschern des Wassers, das aus dem Brunnenrohr in den Trog fällt und in den Überlauf gurgelt.. Josef, Lina vom Leiberg und Berthel von der Wiesenstraße geben sich demselben Vergnügen hin.

„Schon viele Leute habe ich gefragt, woher diese drei Vertiefungen auf dem Brunnenrand stammen“, regte Lina ein Gespräch an. „Das kann ich leicht erklären“, fiel ihr Berthel vorschnell ins Wort, „wir haben hier häufig unsere Griffel gespitzt.“
„Dein Griffel ist doch nicht stumpf geworden. Du hast, so weit ich mich noch erinnern kann, deine Hausaufgaben selten gemacht. Außerdem: wie soll ein weicher Griffel solche Mulden ausschaben?“
„Dann haben halt Sonne und Kälte, Schnee und Regen den Sandstein angegriffen“, wich Berthel dem Seitenhieb ihrer Mitschülerin aus, indem sie ihr beleidigt den Rücken zukehrte. Lina lenkte ein. „Vielleicht hast du nicht ganz Unrecht. Die Handwerker könnten auf dem Brunnenrand am Wasser ihre Werkzeuge geschärft haben. Aber das hätte nur bei spitzen Werkzeugen funktioniert. Für Messer und die meisten Werkzeuge braucht man eine glatte, ebene Fläche zum Schleifen. Dass die Natur diese Näpfchen geschaffen hat, glaube ich weniger. Schau mal wie genau sie neben einander sitzen. Die können nur von Menschenhand geschaffen sein.“
Josef lenkte die Diskussion in eine andere Richtung: „Als Messbub habe ich das Osterfeuer mit Zunder und einem Feuerbohrer mühsam auf dem Stein neben der Kirchentreppe entfacht. Der Stein hatte dieselben Vertiefungen wie der Sandstein des Brunnens.“
Berthels lebhafte Phantasie war angeregt: „Die Alten haben von der krummen Theres erzählt. Sie soll ein Ledersäckchen mit Staub als Talismann um den Hals getragen haben, den sie zur Geisterstunde heimlich von Steinen an Kirchen, Kreuzen und Heiligenfiguren abgekratzt hatte. Er sollte sie vor Dämonen schützen und Glück bringen.“
Josef berichtete von seiner Romfahrt mit den Messdienern. Auf dem Rückweg besuchten sie den Wallfahrtsort Loreto bei Ancona: „Die Italiener verkaufen dort den Staub, den sie vom Dach des „Hauses Marias“ kehren, in Leinensäckchen. Er soll vor Krankheit und dem Teufel schützen.“
„Ein himmelschreiender Unfug, den die Italiener mit dem Glauben der Pilger treiben“, empörte sich Lina.
Berthel nahm den Faden wieder auf: „Dem rachitischen Vinzenz hat die Theres geholfen, indem sie ihm eine Prise Steinstaub mit Wasser einflößte und seinen Brustkorb mit Salbe aus Steinstaub und Schweineschmalz einrieb. Sie kannte sich auch bestens mit Heilkräutern aus.“ „Es wurde auch erzählt, sie sei eine Hexe und mit dem Satan auf du und du gewesen. Hexen sollen sehr alt werden, weil sie eine dreieckige Seele haben und diese aus einer runden Öffnung nur schwer entweichen kann“, fügte Lina augenzwinkernd hinzu.
Berthel strich mit den Fingerspitzen über die drei „Wetznäpfchen“, um den mystischen Zauber der krummen Theres nach zu empfinden, fühlte aber nur Sandstaub.
Lina und Berthel hakten bei Josef links und rechts ein, um gemeinsam zum Treffen mit den Klassenkameraden zu gehen, mussten sich aber wegen des schmalen Bürgersteigs gleich wieder lösen und hinter einander ihrem Ziel zustreben.

Ich schaute dem heiligen Nepomuk ins Gesicht und meinte zu erkennen, dass er sich gerne an der Diskussion beteiligt hätte. Schließlich hätte nur er allein authentisch bezeugen können, wie die Schalen in den Rand des Brunnentroges gelangt waren. Taten es die Griffelspitzer, die Naturkräfte oder abergläubische Menschen wir die krumme Theres?“ (Frau Historia)

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