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Recherche - Historie - Die drei Kreuzsteine

Die drei Kreuzsteine - Tatort, Thing- oder Richtstätte?

Ich bin Frau Historia, grammatikalisch weiblich. Ich wohne im Heimatmuseum. Im Kreuzsteiner Wald lehne ich mich an das linke der drei Steinkreuze, als Josef, Lina vom Leiberg und Berthel von der Wiesenstraße auf ihrem Weg zum Gasthaus auf dem Schindelberg im Schatten vor den drei Kreuzen stehen bleiben.

„Mich überkommt ein beklemmendes Gefühl, wenn ich mir vorstelle, was hier geschehen ist“, unterbricht Berthel die lautlose Verschnaufpause. Lina fährt fort: „Unsere Lehrerin, Elisabeth Schmich, erzählte uns die Sage so anschaulich, dass es mir kalt und heiß den Buckel herunter lief. Kennt ihr den Inhalt noch? Nein?. Drei Wanderburschen, ein Schuster, ein Metzger und ein Schneider kamen auf ihrer Wanderschaft durch den Wald. Der Hunger plagte sie, aber sie hatten nur ein einziges Stück Brot. Als sie es verteilten, bekamen sie Streit, griffen einander an und brachten sich so schwere Wunden bei, dass alle drei an Ort und Stelle verbluteten. Über ihre Grabstätte ließ die Gemeinde die drei Kreuze errichten. Die Zeichen auf den Kreuzen geben die Berufe der Wanderburschen an. Sie stellen eine Schere, ein Messer und einen Leisten dar.“

„Das Messer könnte auch ein Schwert, oder gar ein Pilgerstab sein. Dann gehörte der Stein zu einem Soldaten, oder einem Schwertfeger“, merkte Josef an.
„Schwertfeger?“, stutzte Berthel.
Josef: „So hießen früher die Schwertschmiede und Waffenbauer.“
„Meine Oma erzählte uns Kindern vor dem Schlafen gehen nicht nur Märchen, sondern manchmal auch Sagen“, erinnerte sich Lina. „Oma erzählte, der Schindelberg sei ein „Schinderberg“ gewesen. An dieser Stelle hielten unsere Vorfahren Gericht oder richteten Verurteilte hin. Der Schuh bedeute, dass sich der Übeltäter auf dem letzten Weg befände, die Schere, dass der Lebensfaden abgeschnitten werde und das Schwert, dass er durch das Schwert vom Leben zum Tode befördert werde.“
„Ich glaube, das war keine Sage, sondern auch ein Märchen von deiner Oma“, tat Josef Omas
Geschichtskenntnisse ab.
„Bei meiner Schwiegertochter habe ich im Odenheimer Heimatbuch die Sage, von Pfarrer Friedrich Hodecker niedergeschrieben, noch mal anders gelesen“, ergänzte Lina: „Er verlegt das Geschehen in den 30-jährigen Krieg und behauptet, das Brot, um das sich die drei Burschen gestritten hätten, sei noch neben ihnen gelegen.“
„Wie alt sind die Steine wirklich?“, interessiert sich Berthel.
„Im Grundplan von 1739 wird ein Acker am Kreuzsteinerwald erwähnt. Die beiden kleineren Kreuze ließ Schulrat Kemm 1932 erneuern, weil sie teils verwittert, teils beschädigt waren“, gab Josef Auskunft.
Gespannt lauschten die beiden Frauen, als er folgender amüsanten Episode zum Besten gab:
„ Im Jahre 1949 gab es eine Riesenaufregung wegen der Kreuze. Zehn Jahre zuvor war das Waldstück, in dem die Steine standen, für die Schindelbergsiedlung gerodet worden. Weil die Kreuze auf freiem Feld den Bauern beim Pflügen hinderten, ließ sie der Odenheimer Bürgermeister Buttinger in die Nähe des Kurhauses Schindelberg versetzen. Dass die Kreuze jetzt auf Odenheimer Gemarkung standen, empörte die Östringer Bürger. Darauf ließ Bürgermeister Ferdinand Bender sie nur ein Jahr später kurzerhand hierher heimholen.“
Die drei Wanderer verließen den mystischen Ort. Die Vorfreude auf ein deftiges Vesper und ein erfrischendes Bier beschleunigte ihre Schritte.

Angeregt durch das Gespräch der drei Senioren, erinnerte ich mich an die Zeit der Wanderburschen, ihre Ängste auf unsicheren Straßen und ihre vor Hunger knurrenden Mägen. Die Anlässe, ein Kreuz zu errichten, sind bis heute gleich geblieben, dachte ich, als ich am Straßenrand das kleine Holzkreuz an der Stelle erblickte, an der eine junge Radfahrerin tödlich verunglückt war. (Frau Historia)

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